Glasperlen – mehr als schöner Schmuck

von Marie Schulze, Robert Lehmann, Carla Vogt (Institut für Anorganische Chemie, Leibniz Universität Hannover)

Glasperlen haben seit jeher große Bedeutung für das kulturelle Leben der verschiedensten Völker. Sie wurden als Schmuck getragen, als Zahlungsmittel verwendet, zu rituellen Zwecken eingesetzt und spiegelten die gesellschaftliche Stellung und den Wohlstand ihres Trägers wieder. Daher handelt es sich bei Glasperlen um wertvolle archäologische Fundobjekte, die eine detaillierte Sichtweise auf die Traditionen, die wirtschaftliche Situation und die Handelsbeziehungen eines Volkes, Stammes oder Familie und der jeweiligen Fundregion ermöglichen können.

Abb. 1

Links: Perlenstrang aus der Frühjahrsgrabung 2009 auf dem Tall Zira'a (Foto: HTW Berlin).

Rechts: Perlen aus der Sammlung des Allard Pierson Museum Amsterdam; von oben nach unten: Perlen aus Indien, aus Fustat (Ägypten), Chevronperlen aus Venedig, Perlen aus Amsterdam (Fotos: Vogt).

In der Frühjahrskampagne 2009 wurden auf dem Tall Zira'a zwei osmanische Perlenkom­ple­xe aus 51 bzw. 920 Perlen gefunden (Abb. 1). Die Perlen, die eine große Bandbreite an Farben, Größen und Formen aufweisen, wurden u.a. aus Bernstein, Halbedelsteinen, Muscheln, Korallen, Elfenbein und Knochen gefertigt. Im Wesentlichen sind es jedoch Glasperlen, die im Rahmen einer Bachelorarbeit im Institut für Anorganische Chemie der Leibniz Universität Hannover mit modernsten analytischen Methoden (p-RFA, µ-RFA, LA-ICP-MS, ICP-OES, PIXE) untersucht wurden. Dabei standen, neben Untersuchungen zu Herstellungstechniken (Abb. 2) und der Bestimmung der farbgebenden Bestandteile, der Versuch der Klärung des Herstellungsortes und eine ungefähre Datierung im Vordergrund. Dies ist wichtig, um die Entwicklung der Handelsbeziehungen und den Technologietransfer im weiteren und näheren Umfeld des Tall Zira'a zu rekonstruieren.

Abb. 2 Links: Herstellung von Wickelperlen durch Drehen eines in der Flamme erweichten Glasstabes um einen Metallstab, der mit einem keramischen Trennmittel beschichtet ist. Rechts: Nach alter Technik selbstgedrehte Wickelperlen (Fotos: Schulze).


Durch Elementverteilungskarten, die mittels µ-RFA (Mikro-Röntgenfluoreszenzanalyse) erstellt wurden, konnten eindrucksvoll die farbgebenden Elemente bestimmt werden (Abb. 3)

Links: blaue Perle mit weißen Streifen.
Rechts: Übereinandergelegte Röntgenspektren der farbgebenden Elemente; blaues Glas: Cobalt, weiße Streifen: Bleiweiß und Zinn.
Links: Chevronperle mit dem charakteristischen zwölfzackigen Sternenmuster. Rechts: Übereinandergelegte Röntgenspektren der farbgebenden Elemente; blaues Glas: Cobalt / rotes: Eisen und Kupfer / grünes: Mischfarbe Kupfer- und Eisenverbindungen .

Abb. 3 Elementverteilungskarten für zwei Perlen vom Tall Zira', die mittels µ-RFA erstellt wurden. Die Elementverteilungskarten der farbgebenden Komponenten wurden übereinander gelegt und zeigen so besonders eindrucksvoll die farbgebenden Elemente der einzelnen Glasschichten. (Fotos: HTW Berlin, Elementverteilungskarten: Schulze)


Unter den Glasperlen befinden sich zwei Chevronperlen (Abb. 3). Sie sind besonders wertvoll und wurden im 15. Jh. in Venedig hergestellt und ab dem 17. Jh. auch in Amsterdam produziert. Zur Überprüfung der Vermutung, dass die Perlen vom Tall Zira'a aus einer dieser beiden Produktionsstätten stammen könnten, wurden im Allard Pierson Museum in Amsterdam Glasperlen bekannter Amsterdamer, Venezianischer und islamischer Provenienz untersucht (Abb. 1).

Der Einsatz einer portablen Röntgenfluoreszenzpistole, welche mittels Röntgenstrahlung die Zusammensetzung der Perlen ermitteln kann, ermöglichte die zerstörungsfreie Messung von ca. 200 Glasperlen.
Abb. 4

Zusätzlich wurden an einigen Perlen Isotopenverhältnis-Messungen zur Bestimmung der Herkunft von bleihaltigen Rohstoffkomponenten durchgeführt. Die Ergebnisse zeigten, dass die Perlen vom Tall Zira'a offenbar aus verschiedenen Produktionsstätten zusammengetragen wurden und dass die Chevronperlen mit großer Wahrscheinlichkeit tatsächlich aus einer Amsterdamer Glasproduktion stammen. Eine venezianische Herkunft konnte durch charakteristische Unterschiede in der Glasqualität nahezu ausgeschlossen werden, denn die Glasbläser in Venedig haben hochwertigere Rohstoffe mit höherem Bleigehalt für die Perlenherstellung verwendet, wodurch die Lichtbrechung erhöht und dem Glas ein besonderer Glanz verliehen wurde (Abb. 5). Die Perlenkomplexe können in ihrer gefundenen Komposition somit frühestens im 17. Jh. zusammengestellt worden sein.


Abb. 5  Zinn/Blei-Korrelationsdiagramm der Perlen aus Venedig und Amsterdam. Für die venezianischen Perlen (rot) wurden hochwertige Rohstoffe mit hohen Bleigehalten eingesetzt. Beim Großteil der Perlen vom Tall Zira'a und aus Amsterdam hingegen liegt eine Zinnverunreinigung vor (z.B. durch Verwendung von Zinnoxid als Trübungsmittel). Auch die beiden Chevronperlen vom Tall Zira'a (orange Kreuze) und aus Venedig unterscheiden sich deutlich. Da sich die Perlen vom Tall Zira'a mit denen Amsterdamer Provenienz überschneiden, kann eine Herkunft aus Venedig als unwahrscheinlich angesehen werden.


Literatur:

Poster von Marie Schulz zur Jahrestagung Archäometrie und Denkmalpflege 2013 in Weimar

M. Schulze, R. Lehmann, C. Vogt, D. Vieweger: Charakterisierung mittelalterlicher Glasperlen aus dem Heiligen Land

Projektpartner

Biblisch-Archäologisches Institut Wuppertal   (BAI
Deutsches Evangelisches Institut für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes   (DEI)

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